| Das westfälische Sterbebuch | |||
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Ubi caritas est vera, Deus ibi est. |
Kapitel 2 - Übersicht: Betrachtungen über Pharaonen Ein sexbesessener Kellner Exkurs: Die Welt als Vorstellung Nicole und Nicolas betrachten Videos | ||
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27.3.2001 Westfalen. Westen. West. Rainer Werner Fassbinder hat einmal gesagt, man kann jedes Wort kaputtlutschen. Man muß es nur oft genug wiederholen. Eine indogermanische Wurzel führt auf die Bedeutung “von etwas weg, fort”. Im Westen geht die Sonne unter. Weg, fort. Läßt die Welt im Dunkeln stehen. Öde. Einöde. Friedrich der Grosse dekretierte, als ihm ein tüchtiger Westfale für ein Amt vorgeschlagen wurde: “Der kann es nicht werden - in Westphalen ist kein Genie.” Geliebt wurden sie nicht, die Westfalen. Jeder Sonnenuntergang nimmt sein stilles Geheimnis mit ins Grab: Westfalen ist überall. Ob Sie sich nun als Nutte in Taiwan oder als klerikaler Schreiberling in Johannesburg verdingen: Mensch sind Sie nicht. Das pulsierende Herz das gegen Ihre Lunge drückt, das ist Ihr Hirn. Aristoteles hatte Recht. Das, was Sie so selbstverliebt als “Gehirn” bezeichnen, dient lediglich zur Kühlung des Blutes. Jeder Pulsschlag zementiert die Lüge und transportiert uns weiter ins Reich der Toten. Geboren diesseits des Sterbebuchs, besitzen wir die Chuzpe, von einem Westfälischen Lebensbuch zu träumen. Männer schlafen mit Frauen, die sie nicht lieben. Sie tun dies nicht nur einmal. Es geschieht regelmäßig. Aber sie handeln nicht. Das zu zeugende Kind trommelt den Pulsschlag der Eltern, selbst schon im Sterbebuch registriert, hat es nichts mehr zu verlieren. Nichts mehr, als eben geboren zu werden. Um ein Pilz in der stinkigen Suppe der ewigen Wiederkehr des gleichen zu werden. Zarathustra wird’s umrühren. Der starre Blick des Fötus im Mutterleib demaskiert den Tod. Der Wille zum Leben ist Prinzip, Gesetz und Schicksal. Hunderte Rinder, Schweine,Hühner und Puten müssen sterben, damit der westfälische Blähbauch seine Temperatur halten kann. Das Wesen des Menschen ist das Essen. Jedes Kauen eine Teilung. Gewebe, das über Monate den schicken Körper eines Säugetieres ausgemacht hat, wird zerrissen, geätzt, aufgelöst und ausgeschieden. Anstatt beerdigt zu werden, müssen empfindsame Tiere mit Großhirnrinde zerrissen, geätzt, aufgelöst und ins Klo ausgeschieden werden. Die Kläranlage macht alles wieder klar. Alles klar. Wie sehr ein Tier schreien kann, wenn es sterben muß. Es weiß bescheid. Hat ein pulsierendes Herz, spürt jeden Schmerz. Wie schnell die Zähne das Fleisch des Tieres zerschneiden. Mal schmeckt’s süß wie Schokolade, mal würzig wie Kartoffelchips. Alle tun’s. Und die, die es nicht tun, wurden dennoch mit Zähnen geboren, die gefälligst das getötete Fleisch unschuldiger Tiere zu zerschneiden haben. Ständig eine Waffe im Mund, ja im Kopf. Hannibal Lecter zeigt, wo’s langgeht. Der Highway des 21. Jahrhunderts bringt die eine oder andere Abwärtsströmung an Blut. Nach 1918 werden die Menschen wieder selbst Hand anlegen. Erwarten Sie bitte nicht, daß ich Ihnen ein Buch schreibe, in dem es nicht zu Krieg und Gewalt kommt. Logik läßt sich nicht ausblenden. Taliban-”Milizen” zerstörten neulich Buddha-Statuen. Wie passend. “Taliban” kommt im Lexikon zwischen “Talg”, also Rinderfett und “Talion”, also Vergeltung. Im 21. Jahrhundert wird Religion wieder eine größere Rolle spielen. Damit können die Damen und Herren Sozialwissenschaftler eigentlich nur Religionskriege meinen. Gesagt haben Sie uns das allerdings nicht. Dieses Sich-persönlich-wechselseitig-Umbringen mag ja etwas durchaus erhebendes sein. Man muß allerdings wohl selbst dabei sein, kann nicht wie beim Fernsehen nur zuschauen. Doch dieser Unterschied läßt sich nicht mehr begreiflich machen. Wir schauen einfach nur zu. 22.4.2001 Heute kann ich mit einer kleinen Aufmerksamkeit aufwarten. Die Wahrheit ist der stillste Teil des Menschen. Windstille. Gibt es gar nicht. Myriaden Gasmoleküle prallen aneinander, machen Temperatur. Still wirkt die Luft, da sie außerhalb unserer Wahrnehmumg liegt. Was unsere Mitmenschen denken, liegt ebenfalls außerhalb unserer Wahrnehmung. Was traut sich unser Partner, unser Gegenüber, uns zu sagen? Intimität kann so brutal sein. Ultimative Nähe kann entfremden. Laß uns darüber reden! Wie leicht sagt sich das. Und dann prasseln Worte wie Maschinengewehrsalven und führen letzenendes zum Massensterben der Gedanken. Das gesprochene Wort wird Gesetz. “Ja, ich habe Monika geküßt. Aber wir haben nicht miteinander geschlafen.” Elf Worte, doppelt so viel Kopf-, Zungen- und Gesichtsmuskulatur sind erforderlich, um mehrheitlich Stickstoffmoleküle rhytmisch prasseln zu lassen, damit das Ohr des Partners einen Gedanken vernehmen kann. Augenpaare blicken sich an, können sich kaum ertragen. Leichtes wegsehen. Mechanische Gesten. Verständnis. Verständnis kommt von Stehen. Tod. Partnerschaft ist - idealerweise - kein Ort, sondern ein Weg. Kein Tod, sondern Leben. Häufig ist Geschlechtsverkehr das Sigel eines stattgefundenen Partnergesprächs. Schlecht. Aber wem nützt das Wehklagen. Wir lügen und betrügen ja sehenden Auges. Lassen sie uns lieber einen Ausflug unternehmen. Ins Centro, nach Oberhausen. Dort arbeitet ein sexbesessener Kellner. 28 Jahre alt. Es soll reichen, wenn wir seinen Vornamen kennen. Michael. Kennen Sie sich eigentlich in etymologischen Dingen aus? Micha-El steht für einen der Erzengel, eine sagenhaft mutige Figur, die sich von allen gewöhnlichen Wesen durch zahlreiche Attribute abhebt. Der Prophet Hesekiel berichtet im Alten Testament von einer unglaublichen Vision, die einen Eindruck dieses Sachverhalts vermitteln könnte. Nun gut. Unser Michael ist ebenfalls ungewöhnlich. “Handle so, daß die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.” So hat es uns Immanuel Kant ins Stammbuch geschrieben. Und Michael ist jemand der Prinzipien lebt. Jeder Atemzug den er tätigt, jede Faser seiner Muskulatur ist Prinzip. Eine Lebensmaxime von Michael lautet: Ich möchte möglichst oft Sex haben. Nun, so weit für einen Mann nichts ungewöhnliches. Die exakte Maxime seines Willens lautet: “Ich will mit möglichst vielen verschiedenen Frauen schlafen.” Und Michael hat daraus für sich die Prinzipien einer allgemeinen Gesetzgebung gemacht. Wie bitte? Ein einfacher Kellner als orthopraxischer Vollstrecker Kantischer Philiosophie? Das verhält sich so: Eigentlich hat Michael ein abgeschlossenes Stufium der Psychologie und Philosophie vorzuweisen. Er hatte sogar die Möglichkeit, zu promovieren. Die Beschäftigung als Kellner hat Michael sich ausgesucht, um die Maximen seines Willens zu leben. Und noch besser: Er hat die Prinzipien seiner allgemeinen Gesetzgebung schriftlich niedergelegt! Ich hatte heute nachmittag kurz Gelegenheit, mit Michael zu sprechen. Die Sonne spielte bereits ein wenig mit ihrer Kraft und ein gediegenes Straßencafé-Feeling machte Michael gute Laune. Vorfreude auf vielfältigen Beischlaf. Er saß draußen im Park, mit einer Schreibkladde in der Hand. Ein Aufkleber auf dem Deckbaltt der Kladde trug die Aufschrift “# 23 Parerga und Paralipomena”. Das bedeutet, er hat bereits 22 Schreibkladen vollgeschrieben! Sein umfangreiches Regelwerk besteht aus siebzehn Basis-Prinzipien und mehr als hundert Gesetzen. Man muß auch zugstehen, daß der eine oder andere ethische Aspekt Eingang gefunden hat. Ein Gesetz lautet zum Beispiel: “§ 34. Schlafe niemals mit einer verheirateten Frau!”. Und eines der Basis Prinzipien lautet: “P 4. Schlafe niemals mit einer Frau, die mit einem One-Night-Stand nicht einverstanden ist, beziehungsweise eine Beziehung beabsichtigt.” Der Witz bei diesem umfangreichen Regelwerk liegt wohl darin, daß alles, was nicht verboten ist, als ausdrücklich erlaubt gelten darf. Ich bewundere die kognitiven Fähigkeiten, die Michael sich angeeignet hat. Ein kurzer Blickwechsel scheint ihm gleichsam Megabytes an Informationen zu liefern. Darüber hinaus verwaltet er das Ressort “Altlasten”, d.h. er benötigt stabile Reaktionsmuster, wenn eine seiner Ex-Intimpartnerinnen plötzlich als Kundin im Café erscheint. Von mindestens vier Frauen weiß ich, daß sie regelmäßig im Café auftauchen, weil sie sich erhoffen, noch einen Nachtsich zu bekommen. Die vier Frauen wissen untereinander nichts von ihrer intimen Gemeinsamkeit. Und bei einer Frau - einer gewissen Monika - stehen für mich Michaels Handlungsweisen sehr in Frage. In jedweder Hinsicht ist Monika eine Traumfrau. Sie wäre ein Anlaß gewesen, intim seßhaft zu werden. Aber unser intellektueller Erotik-Nomade ist einfach weitergezogen. Ich werde versuchen, Michael von den Tatsachen der Liebe zu überzeugen. Doch dazu muß wohl erst einmal sein komplexes System zusammenbrechen. 28.6.2001 Ein Sterbebuch ist was zum anfassen. Wie schön konkret doch der Tod ist. Und so endgültig. Das schlimmste wäre Auferstehung. Ewige Widerkehr des gleichen. Tausend Folgen Dallas ohne Ausschalttaste. Schlafen gehen ist fast wie sterben gehen. Absolute Freiheit, keine Verantwortung, keine Kosten: Tod, Dein Name. Die Ägypter dachten sich das nicht ganz so easy. Da wird einem so ein verficktes Totenbuch zur Lektüre mitgegeben. In manchmal 240 Quadratmeter teure Leinen eingewickelt, als good old mummy im stockdusteren Sarg sich der Lektüre widmen? Verehrte Priesterschaft von Memphis, mit Verlaub, wieviel Vasen Bier habt ihr eigentlich beim Hathor-Fest getrunken, um auf eine derartig beschissene Idee zu kommen? Neulich, im Pelizaeus-Museum in Hildesheim sah ich die Mumie eines Kindes. Um den Kopf herum waren die Leinenbinden etwas gelockert. Man sah den Gesichtsausdruck dieses vor Ewigkeiten in Leinen gewickelten Kinderleichnams. Ein Kind, das wie ein Geschöpf der Sonne im dunklen Nilschlamm getobt haben mag. Hauteng eingewickelt; keine Bewegung möglich. Ich würde schreien wollen; aus aller Kraft, so laut es geht. Soll der Kehlkopf ruhig schaden nehmen: ich würde mich in einen Schrei verwandeln. Ich würde einen einzigen Zorn spüren; Zorn auf die Anubis-Priester mit ihrem Mumienwahn. Ich würde diesen Priestern ins Gesicht schlagen wollen. Eine Ohrfeige würde wohl nicht reichen. Ich bin auch sportlich nicht sehr geschickt. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn ich die Hand zur Faust balle. Im Fernsehen brechen sich die Schläger immer so schön die Nasen. Aber ich würde vielleicht daneben hauen. Und wenn ich ihn treten würde? Meine Beine sind ganz gut trainiert. Aber wohin treten? Meistens reicht ein Tritt nicht. Man muß nachtreten; es muß ja weh tun. Aber ich bin für Gewalt nicht geeignet. Ich müßte den Anubis-Priestern anders weh tun. Ihnen ihre Götterwelt kaputtmachen. Am besten man setzt bei ihrem Sterbebuch an: dem sogenannten Totenbuch. Ein Reiseführer durch das Jenseits. Das ägyptische Totengericht hat 42 Beisitzer. Ägypten hatte 42 Provinzen. Level 42. Zufall? Nein. Politik. Jeder Gau - so stramm hießen die ägyptischen Provinzen - hatte seinen eigenen Gott. Politischer Proporz, Macht-haben-wollen wurde letztenendes metaphysisch aufgebläht. Ein einziger Pharao hat für kurze Zeit diesen vulgär-religiösen Blähbauch einen Blähbauch sein lassen und sich der Natur und den Menschen gewidmet: Echnaton. Und dieser Echnaton wird jetzt als Vorgänger von Moses und Zarathustra gesehen. Die Anubis-Priester hingegen werden nicht ernst genommen. Der Mumienkult hat also sein eigentliches Ziel nicht erreicht: Die Ewigkeit gehört den Monotheisten. Aber: es gibt kein monotheistiches Sterbebuch. Es gibt den Tod im Monotheismus auch gar nicht. Stattdessen ewiges Leben. Muß wohl irgendwie eine innere Logik haben. Jedenfalls spielt hier kein politisches Kalkül rein. Tiefenpsychologisch will uns diese Sache mit dem ewigen Leben wohl etwas sagen. Aber wir hören nicht zu. Die Sprachwurzel von “Religion” geht auf Bindung zurück. Mumien binden. Und schweigen. 11.7.2001 74,4 kg Wagner in Israel. Der Walkürenritt dauert drei Minuten und drei Sekunden. So lang, wie Liebe halt dauern muß; wenn es schnell gehen soll. Der Windows Media Player meldet "unbekannter Interpret". Kein Wunder. Die CD ist von 1983. Schlimmer noch als der Walkürenritt ist der Einzug der Götter in Walhall. Transzendente Rechtfertigung des Massenmords. Göbbels muß ja wirklich geglaubt haben, er sei im Recht; bei dem Soundtrack. Richard Wagner hat die Welt 1883 verlassen; seine Musik haftet ihr noch an. Dieser Windows Media Player bietet eine kleine Visualisierung, zumindest in der Version 7.00.00.1441. Da dreht sich eine hellblutrote Scheibe im Takt der Musik. Ich seh da Panzer Rollen, immer geradeaus - transzendental gerechtfertigt. 1982 wurde diese Musik im Sophiensaal in Wien aufgenommen (damals noch unter Sir Georg Solti). Das schöne allerdings ist, dass diese Musik quält. Jawohl, das tut sie! Wotans Abschied plus Feuerzauber dauert fünfzehn Minuten und drei Sekunden. Langweilig pressen sich die Noten heraus, nicht ein klitzekleines epsilon Lebensfreude ist spürbar. Die Darmwinde der Tiere im Zoo sind ebenso melidiös wie jene Passagen, bei deren Komposition Herrn Wagner wohl die Spiritualität verlassen hat. Man muss sich beim aushören und reinkotzen dieser Musik die großdeutschen Bauwerke 1871 ff. vor Augen führen. Ein deutscher Kaiser wäre vielleicht gerne so groß gewesen wie ein ägyptischer Pharao: allein es fehlt an Größe. Nehmen wir zum Beispiel den oben erwähnten Pharao Echnaton. Sein Name leitet sich von Ach-en-Aton ab, das heißt soviel wie "nützlich sein für den Sonnengott". Das hatte 1350 Jahre vor Christus schon ein wenig Kennedy-Mentalität offenbart: Frage zuerst danach, was Du für Dein Land bzw. Deinen Gott tun kannst. Deutsche Kaiser können da nicht mithalten. Ihre Standbilder verweisen nicht auf irgendwelche wie auch immer gearteten Leistungen. Stattdessen müssen aussagenlose Fabelwesen herhalten. Drachentöten anstatt Politik machen. Maul auftun; aber nichts sagen. Lediglich beim Trauermarsch können sich auch Demokraten ins Wagner-Konzert einreihen: Endlich betritt der Tod die Bühne. Hier bietet sich also der eigentlich Soundtrack für unser Totenbuch an. Es ist ein eigentümlich heiterer Trauermarsch, getragen vom Gedanken des Nach-Hause-Kommens. Jede Panzergranate, jeder Gewehrschuss brachte uns einen Schritt näher nach Hause. Als Göbbels fragte "Wollt ihr den totalen Krieg?" meinte er also verdolmetscht: "Wollt ihr nach Hause!". Nun gut. Der Rest der Geschichte ist ja bekannt. Wir wurden nach Hause gebombt. Das Kriegstriptychon des großen Voraus-Sehers Otto Dix zeigt eine Kolonne von Soldaten, die nach Hause gehen: in den Tod. Im Diesseits keine Götter. Wagners Musik ist eine Wüste. Kein Bleiben-Wollen. Heute, im Jahr 2001, haben wir nicht einmal ein bißchen hinzugelernt. Die Deutschen sind noch immer nicht seßhaft; noch immer auf Völkerwanderung. Unser Unterwegs-Sein äußert sich durch das Zerkauen von Snickers und den Verzehr von Gummibärchen. Irgendwann wiegt man dann 74,4 kg. Mag man sich als unsichtbarer virtueller Roman-Autor ja leisten können. Nun gut. Es ist ja nicht verboten, Snickers zu zerkauen und Gummibärchen zu essen. 1943 war es an der Ostfront auch nicht verboten, Kugeln abzufeuern. 1943 war es auch nicht geboten, Deserteur zu werden. Und heute zwingt uns niemand dazu, anderen Menschen zu helfen. Sehr eigenartig. Die Infrastruktur ist da: Für weniger als 50 Mark könnten wir einem anderen Menschen auf diesem Planeten das Leben erleichetern. Aber wir lassen es nicht an uns ran. Die Tagesschau zeigt ja gottseidank nur ganz selten hungernde Menschen. Aber gottsei'sgedankt: Niemend aus unserem Bekanntenkreis oder der Familie spricht uns auf das Hungern an. Aber die können ja auch nicht sprechen. Die zerkauen Snickers und essen Gummibärchen. Wir kommen damit durch. Das klappt so noch mindestens zwanzig Jahre, keine Sorge. Mal unter uns: Wer trägt denn nun die Verantwortung? Im Zweifelsfall der Bundeskanzler. Und der setzt im Zweifelsfall eine Kommission ein. Und die wird schon begründen, warum wir - leider - nicht handeln können. Heute stand in der Rheinischen Post, die Bevölkerung in Afrika wächst TROTZ AIDS überproportional. Bin ich jetzt der einzige, der dort ein kleines "schade" gelesen hat? Irgendwie ist es ja praktisch: Seitdem Afrika mit AIDS assoziiert ist, müssen wir uns gar nicht mehr um den Kontinent da unten kümmern. Die sind ja aufgrund der Bürgerkriege auch selber schuld, sagt's sich so einfach. Wir kommen aber tatsächlich mit dem Nichtstun problemlos durch. Und fühlen uns moralisch abgesichert. Vielleicht werden sehr viel spätere Generationen einmal Forschungen anstellen, um zu klären, weshalb sich die Bewohner der Bundesrepublik so passiv verhalten haben. Nationale Egoismen gibt es natürlich auch in den USA, insgesamt in Europa und auch in Australien. Eine Begründung ist das allerdings nicht. Aber es gibt eine Erklärung; wenn Sie wollen sogar eine präzise forensische Analyse. Die heutigen Zivilisationen haben den Sinn des Lebens nicht zum Prinzip ihrer Gesetzgebung gemacht. Ein Vergleich mit dem alten Ägypten mag dies verdeutlichen. Die Ägypter kannten verbindliche oberste Prinzipien, zum Beispiel 'Maat' als das oberste Prinzip der Ordnung. Das Totenbuch der Ägypter steht im engen Einklang mit diesen Prinzipien; der Tod als solcher hat dann auch einen Sinn. Sterben hingegen ist das Unterwegs-Sein zum Tode. Genau deshalb steht uns Westfalen auch nur ein Sterbebuch, keinesfalls ein Totenbuch zu. Unser kollektives sinnloses Nichtstun ist genaugenommen ein Sterben. Deshalb ist der Wagner-Soundtrack still alive. Angehöre der jüdischen Religion - die man als Orthopraxie betrachten mag - und die tragfeste Säulen an Sinnhaftigkeit zu bieten hat, müssen auf Wagner allergisch reagieren. Der Berufszweig der Wagner hat ja als Wagenbauer nachhaltig für das Nicht-Seßhaft-Sein mitgesorgt.
18.7.2001 Versuch über das makellos weisse in den Augen einer sinnlichen Frau Die Vorbereitung läuft. Loveparade Berlin. Ehrlich gesagt würde ich unheimlich gerne bei Scooter mitmachen. So herrlich gefühllos. Beat, schlagender Beat. Gezählt in Schlägen pro Sekunde. So, als könnte Brutalität Kraft aus sich selbst saugen. Entkleidung=Entäußerung. Unvorstellbar, dass die heutige Jugend noch so etwas wie Liebe zu empfinden vermag. Was braucht man also, um lieben zu können? Staubtrockene Bücher gelesen haben? Lateinisch können? Nicht wissen, was mit "griechisch" gemeint ist? Oder, ganz trivial "NUR" Empfindung? Die Loveparade puscht Empfindung. Raus aus den verdammten philosophischen Seminaren, rein in die Loveparade. Haben Sie jemals das weisse im Auge einer sinnlichen Frau beachtet? Bitte antworten Sie aufrichtig. Wie lange überhaupt konnten Sie den Blickwechsel ertragen? Hatten Sie bereits sekundenweise das Gefühl, die interpersonale Trennung würde sich aufheben? Angst gehabt? Und das beim Blick in die Augen einer sinnlichen Frau? Klubbheads Remix von "Fire" braucht nur sechs Minuten und dreiundfünfzig Sekunden um eins klarzustellen: Empfindung. Die zentralen nichtverbalen Aussagen, die Scooter uns hier vermittelt, lauten verdolmetscht: a) Eine Empfindung ist entweder authentisch, oder Sie ist nicht. b) Wer seine Angst nicht überwendet, ist stets Objekt, nie Subjekt der Empfindung. c) Vertrauen bedeutet stets, vom Partner aufgefangen werden zu können. Jetzt wäre "Fire" Anlass für eine kleine Bücherverbrennung. Lasst uns auf Latein und Moral künftig verzichten. Worte sind Feinde des zentralen Menschseins. Unsere Augen riskieren ja kaum noch, zu erblicken. Worte aus Angst kleistern uns die Sicht zu. Und den Kleister wollen wir uns dann noch erklären. Schwafeln über den "Sinnn des Lebens". Wer denn, der je geliebt hat, verschwendet nur einen Gedanken daran? Ab zur Loveparade! Fire!!! 21.7.2001 74,2 kg (Dieser Teil des Romans ist A.M. gewidmet) Versuch zur Beruhigung des Zorns des Autors So viel Zorn. So viel Wut. Autoren sollen aber doch kreativ sein und helfen. Da wurden nun schon eine ganze Reihe von Personen angeklagt. Dem Anubis-Priester wurde bereits körperliche Gewalt angedroht. Und wer kann garantieren, dass der Autor nicht auch gegen Herrn Mattejat handgreiflich wird? Sie erinnern sich, der ignorante Mann im A4, der an Nicks Totenkreuz an der Bundesstrasse vorbeifuhr. Und über Nick wissen wir seit mehreren Kapiteln nicht neues. Der Roman könnte so allmählich beginnen. Aber stürzen wir uns nicht wütend in diesen Anfang. Der Zorn muss sich beruhigen. Wir brauchen dazu einen Experten. Viele grosse Denker waren stets auch zornig. Das gilt für die Dichter der Romantik wir für Philosophen wie Karl Marx. Und selbst Jesus ist schon einmal im Tempel ausgerastet. Aber es gibt einen Experten. Es gibt genau EINEN Experten: Jakob Böhme. Jakob Böhme ist sozusagen der erste deutsche Philosoph. Er lebte von 1575 bis 1624 in Görlitz. Böhme wollte Bibel und Erfahrung, Natur und Glauben, Wissen und Empfindung zusammenbringen. Und dieser Aufbruch ist für Theologie und Philosophie, für Naturwissenschaft und Ethik der Neuzeit prägend geworden. Görlitz. Seit der deutschen Einheit können wir Westfalen wieder ganz problemlos dorthin reisen. Die Jakob-Böhme-Gedenkstätten besuchen. Diese Möglichkeit ist von unermesslichem Wert und steht in keinem Verhältnis zu den "Kosten" der deutschen Einheit. Nun gut. Wie wollen wir jetzt den Zorn beruhigen? Mit Musik. Am 19. April 1999 wurde in der Krypta der Görlitzer Kirche St. Peter und Paul ein Jakob-Böhme-Requiem aufgezeichnet. Auch auf CD aufgezeichnet. Die CD trägt den Titel "Nun fahr ich hin ins Paradies". Dieter Liebig hat die Texte dazu verfasst. Der Eröffnungstext lautet: wem zeit ist wie ewigkeit und ewigkeit wie zeit der ist befreyt von allem Streit wem leid ist wie freud und freud wie leid der dancke gott für solche gleichheit Wir hatten oben ja schon gelesen, was Brentano über die stigmatisierte Katharina geschrieben hatte: Das Leiden war ihr eine Freude! Aus der Perspektive dieser Gleichheit entsteht erst die Kraft und Ruhe, um über Nicks Leben zu schreiben. Über einen Zeitraum von fünf Monaten hinweg wären Nick und ich fast ein Paar geworden. Vielleicht sollte ich sie mit ihrem damaligen Namen in Erinnerung rufen: Nicole. Wir hatten in diesen fünf Monaten einen Jour fixe: Jeden Mittwoch abend hatten wir einen Video-Abend. Sie hatte durch die Arbeit in der Videothek Spass daran gefunden, über Filme zu diskutieren. Sie hatte Mittwochs ihren freien Tag. Am Dienstag bereitete Nicole die Film-Auswahl vor. Sie versuchte jeweils Dienstag Nachmittags vier verschiedene Zahlen zu finden. Sie beobachtete aufmerksam die Kunden und schaltete ihr emotionales Echolot ein. Wenn eine Zahl mit einer Emotion verbunden war, notierte sie diese in eine kleine Schreibkladde im DIN-A6-Format. Die Blätter der Kladde hatte sie vorher sorgsam vorbereitet: Quasi als Fußzeile malte sie vorab kleine Gänsefamilien auf die Blätter. Oben wurde Platz eingeräumt für die Nummer des Videos, den Titel des Films, den Namen des Regiesseurs sowie der Hauptdarsteller. Einmal kam eine Gruppe von sechs Leuten in die Videothek. Die sechs Freunde verstanden sich offenbar sehr gut; Nicole spürte den Raum ausgefüllt mit positiver Emotion. Spontan notierte sie die Ziffer 6. Später tauchte ein verschwitzter Fußballspieler im Trikot auf, der sich einen asiatischen Pornofilm lieh. Seine Spielernummer war die 14. Dann sah Nicole beim Gummibärchenessen eine siebenköpfige Bärchenfamile auf ihrer heuschreckenhaft dünnen Hand sitzen. Jedenfalls waren zwei Gummibärchen eng zusammensitzend unterhalb des Ringfingers platziert; die anderen fünf lagen lustig verstreut auf dem Handteller. Spontan notierte Nicole die Filmnummer 6147 in die Kladde. Es war der Film "Die Farbe lila" vom Regiesseur Steven Spielberg mit der Hauptdarstellerin Whoopie Goldberg. Unsere Filmvorführung begann immer um Punkt 20 Uhr 30. Kurz vorher stellte Nicole ein Blech Nachos in den Ofen. Um 20 Uhr begann jedoch stets die sogenannte Vorbesprechung. Wir versuchten Thesen und Wetten zu formulieren. Ich ging da eher theoretisch vor. Welche Position nimmt Spielberg zur Sklaverei ein? Nicole war da lockerer. Sie kramte einen lilafarbenen Pullover hervor und wettete, ein derartiges Kleidungsstück käme im Film vor. Häufig lag Nicole mit ihren Wetten daneben. Aber es gab auch erstaunliche Volltreffer. Einen ganz erheblichen Teil der Garderobe von Robert de Niro hatte Nicole vorausgeahnt! In solchen Fällen durfte sie sich dann spontan etwas wünschen. Einmal sind wir daraufhin nachts schwimmen gegangen. Nun gut. Jedenfalls hat Nick auch all diese Hypothesen und Wetten in der Kladde notiert. Und diese Kladde ist jetzt in meinem Besitz! Manchmal stehe ich nachts auf, um in den Notizen zu blättern. Ich betrachte dann genau die Linienzüge, aus denen die gezeichneten Gänsefamilien auf dem Blatt zusammengesetzt sind. Selten hat mir Besitz so viel bedeutet!
28.7.2001 San Francisco / Fisherman's Warf Vielleicht braucht es erst einmal 5000 Meilen Abstand, um zur Besinnung zu kommen. Zwei Nächte in China Town und zuvor ein schier endloser Flug mit Air France. Kein Fensterplatz. Keine Aussicht. Was sind die Aussichten? Mein Verhältnis zu Nick scheint mir jetzt viel klarer. Jetzt ist sie zum Sterben freigegeben. End-lich. Das grösste Betäbungsmittel überhaupt ist Angst. Entfällt diese Angst, beginnt das Leben. So vieles hat in San Francisco seinen Anfang genommen. Eine Chance für uns beide, Leser und Autor. Ich muss mir Notizen machen. 30.7.2001 Fisherman's Warf Am SFO Union Square halten zwei Typen Schilder hoch mit der Aufschrift "Babylon has fallen." Damit wollen die beiden eine fundamentalkritische Meinung zur amerikanischen Kultur kundtun. So als sei (ausgerechnet!) San Francisco ein zweites Babylon. Dabei steht eines fest: Wenn die Menschheit je eine Chance hatte (und/oder diese gar verliert), dann wird sich dies zuerst in San Francisco äussern. Hier liegen die Engel begraben, nicht etwa in Los Angeles. Menschen sind hier Individuen, ohne speziell darauf getrimmt worden zu sein. Jedes Lächeln authentisch. Es ist kein loser Spruch, dass man hier sein Herz verlieren kann. Ich muss mir Notizen machen. 21.8.2001 Westfalen, westliches THIS IS THE END OF THE WORLD AS WE KNOW IT. Die Welt ist lediglich meine Vorstellung. Nicole war lediglich meine Vorstellung. Die Welt als Vorstellung. Arthur Schopenhauer hat ein Buch dazu geschrieben. Er hat DAS Buch dazu geschrieben: "Die Welt als Wille und Vorstellung." Durch sein Buch soll nur ein einziger Gedanke mitgeteilt werden. Auch im Westfälischen Sterbebuch soll letztendlich nur EIN einziger Gedanke mitgeteilt werden. Ich hatte diesen Gedanken bereits. In der Nacht, als ich das Autowrack sah. Ich harte in der Nacht sehr lange am Unfallort aus. Das Wrack wurde abgeschleppt; die Schaulustigen wurden müde. Erst als auch die Polizei ihre Fotos gemacht hatte und alle Protokolle geschrieben waren, als ich endlich allein war, näherte ich mich dem Baum. Ein paar Blutflecken blieben zurück. Dieses Blut hat in dem Koerper pulsiert, der mich auf dem Sofa so erquicklich gewärmt hatte. Ich sass noch eine Weile unter dem Baum und weinte. Ich merkte nicht mehr, wie die Zeit verging. Ich rieb mir die Tränen aus den Augen und berührte mit den leicht feuchten Fingern den Baum und einen kleinen Blutfleck. Meine Träne vereint mit ihrem Blut, sprachlos empfand ich dies als Kommunikation. Ich spürte, ich war am Ende. Es muss wohl schon vier Uhr morgens gewesen sein, fast sechs Stunden nach der mittlerweile im Sterbebuchnotifizierten Selbsttoetung der Nicole Pollmann. Ein Freund hatte mich zur Unfallstelle gefahren, gleich nachdem ich telefonisch von dem Unglück erfuhr. Ich ging in dieser Nacht zu Fuss nach Hause, immerhin fünfzehn Kilometer. Ich hatte tausend Gedanken im Kopf, liess den Sonnenaufgang an mir vorbeirauschen. Ich ging an diesem Tag nicht zur Arbeit. Ich hatte tausend Gedanken im Kopf. Darunter war der EINE Gedanke. Doch ich kann diesen Gedanken nicht artikulieren; habe ihn nicht mehr. Ich bin auf dem Weg, mich diesem Gedanken wieder zu nähern. Dieser EINE Gedanke wird der letzte Satz des Westfälischen Sterbebuchs sein. Der Autor wird danach verstummen. Nicolas van Bruenen wird einfach aufhören, zu existieren. Ich muss mich diesem Gedanken strukturiert nähern. Bitte begleiten Sie mich. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung; ich werde so rational wie möglich vorgehen. Wie war es Schopenhauer ergangen? Auch er hatte ja mit einem Gedanken zu kämpfen. Jahrzehntelang. Bloss ein einziger Gedanke, und dazu ein ganzes Buch? Lassen wir Schopenhauer sprechen. "Ein Buch muß inzwischen eine erste und eine letzte Zeile haben und wird insofern einem Organismus allemal sehr unähnlich bleiben, so sehr diesem ähnlich auch immer sein Inhalt seyn mag; folglich werden Form und Stoff hier im Widerspruch stehen." (WaWuV, p. VIII). Sicher, das GEFÜHL, dass ich in jener Nacht hatte, als dieser EINE Gedanke von mir Besitz ergriff, war etwas durch und durch organisches. Dies läßt sich nicht durch ein Buch vermitteln; erst recht nicht durch eine Website. Schopenhauer bietet als Rezept an, sein Buch mehrfach zu lesen. Auch Sie werden wahrscheinlich erst ab der zweiten Lektüre etwas organisches spüren. Dann beginnt Ihre Seelenverwandtschaft mit Nicolas van Bruenen. Sie gewinnen eine Existenz, um die es fortan zu kämpfen gilt. "Darum also erfordert die erste Lektüre, wie gesagt, Geduld, aus der Zuversicht geschöpft, bei der zweiten Vieles, oder Alles, in ganz anderem Lichte erblicken zu werden." (WaWuV, p. IX). Was waren die Motive, die Schopenhauer angetrieben haben? Ob Sie es glauben oder nicht: Es war die Wahrheit. Die Wahrheit war sein Leitstern. Er bewegte sich somit in eine kalte Nacht. Jedoch: "Aber das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferne und lebt lange: sagen wir die Wahrheit." (WaWuV, p. XV). Das sreben nach Wahrheit kann jedoch durchaus frustrierend sein. "Die Wahrheit ist keine Hure, die sich Denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr Alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß seyn darf." (WaWuV, p. XXVIII). §1.Nick war nur in meiner Vorstellung. Nick war Teil der Welt als Vorstellung. Eine Nicole Pollmann, wie sie wirklich war, habe ich nie kennengelernt. Daseyn und Wahrnehmbarkeit sind Wechselbegriffe. Warum habe ich Nick nicht wahr-genommen? Ich war faul im Modus des Erkennens. Ich hätte Nicole ja nur dies und jenes fragen müssen. Wie oft habe ich nicht wirklich konzentriert zugehört, wenn sie etwas erzählt hat. Ichr war es immer wichtig gewesen, in mir jemanden gefunden zu haben, der zuhören kann. Auch unsere kleinen Gespräche, als wir uns Videos ansahen, waren ihr ungemein wichtig. Und manche mal habe ich nicht gut zugehört. Ich war nicht bei ihr. Jetzt kann ich nichts mehr fragen. Mein Nicht-Wissen ist eine nicht mehr heilende Wunde. §2. Zwischen Subjekt und Objekt besteht eine prinzipielle Grenze. Selbst wenn ich an allen Videoabenden hellwach gewesen wäre, und hundertprozentig aufmerksam zugehört hätte, was Nick so alles über violette Pullover und Robert de Niros Hintern zu berichten wusste; selbst wenn ich ihr tausend fragen gestellt hätte: Ich hätte sie nicht kennengelernt. Sie war Objekt; ich Subjekt. Es bestand eine Grenze zwischen Nicolas und Nicole. Nicole war blos Teil meiner Vorstellung. Als ich sie auf dem Sofa liegend berührte: Ich meine zu wissen, dass diese Art der Berührung ihr angenehm war. Aber das kann ich objektiv nicht wissen. Vielleicht empfand sie meine Berührungen als einengend; somit als ein wenig unangenehm. Und vielleicht mochte sie mir das nur nicht sagen. Wie kann ich über diesen Sachverhalt sicher sein? Wie kann ich prinzipiell sicher sein? Und wie sieht es bei intellektuellen Inhalten aus? Welche Bedeutung hatte das Videobuch für sie? Waren ihr unsere Mittwoch abende wirklich wichtig? Ich kann sie nicht mehr fragen. §3. Selbst wenn die Welt "nur" meine Vorstellung ist: Es herrschen Gesetze. Zumindest das Gesetz von Ursache und Wirkung. Ich habe eine ganze Reihe von Dingen als zusammenhängend wahrgenommen. Dieses Band der Kausalität ist mein einziger Krückstock bei der Suche nach dem EINEN Gedanken. §4. Ursache und Wirkung sind Schauspieler, deren Theater Raum und Zeit heissen. Das ganze Wesen der Zeit - lehrt Schopenhauer - ist die Succession. Die Abfolge der Mittwoch Abende hatte schon eine gewisse Gesetzmässigkeit. "Was das Auge, das Ohr, die Hand empfindet, ist nicht Anschauung: es sind bloße Data." (WaWuV, p. 14). Als meine Hand Nicols Arm berührte, war dies eine Datenübertragung. Was war objektiv an diesem angenehmen Gefühl der Berührung? Wenn zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Nicolas und Nicole, eine prinzipielle Grenze existierte, dann hat es NIE eine GEMEINSAME Empfindung gegeben. Wir waren nie zusammen. Beerdigt liegt die Datenquelle. Mein Schmerz ist so lebendig. So lebendig, dass mir diese ganze belebte Welt, all diese erotischen Datenquellen zwischen Las Vegas und Sewastopol, mir egal sind. Koennte ich nur mit Nicole zusammen sein. Auch andere Menschen wird dieses Unglück treffen. Auch in tausend Generationen wird dieses prinzipielle Unglück auftreten. War DIES der EINE Gedanke, den ich einst hatte? Nein, der Gedanke war nicht profaner Natur. Er war nicht anklagender Natur. Es war so warm und beruhigend. Ja, ich erinnere mich. Obnwohl es Nicks Todesnacht war, fühlte ich mich eine Momente lang so aufgehoben und geborgen durch diesen Gedanken. Der Gedanke war katholisch. Was je katholisch sien kann steckt in diesem Gedanken. Die die Trauer überlagende Zuversicht der Maria bei Jesus Kreuzigung - in Gemälden der Renaissance hundertfach dargestellt: Diese Frau hatte den EINEN Gedanken. Er lässt sich schlechterdings nicht artikulieren. Nicolas van Bruenen wird nicht aufhören, zu existieren. §5. Zwischen Subjekt und Objekt besteht kein Verhältnis von Grund und Folge. Ich werde nie sagen koennen: Diese und jene Vorstellung von mir, hat objektiv dieses und jenes bei Nicole bewirkt. Immerhin: Das Subjekt wird eine Rolle spielen. Materialismus ist nicht: "Denn >Kein Objekt ohne Subjekt< ist der Satz, welcher auf immer allen Materialismus unmöglich macht." (WaWuV, p. 35) Wenn die Welt blos Vorstellung ist, dann müssen wir uns von der Welt, wir wie sie uns bisher vorgestellt haben, verabschieden: THIS IS THE END OF THE WORLD AS WE KNOW IT. Weiter zu Kapitel 3... Zurück zu Kapitel 1... | |||
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Autor: Nicolas van Bruenen e-mail: info@sterbebuch.com | |||
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