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Vielleicht ist der Tod lediglich ein Kostgänger des Lebens. Ein fest
gebuchter Termin. Eine Aktie ohne Wert. Über den Tod
nachdenken, gar über ihn zu schreiben: absurd. Sterbebücher sind kein
Gegenstand einer Kultur, die zwischen Cola und Koks
das eigene Leben setzt.
Es gäbe diese Zeilen auch kaum ohne den Selbstmord
von Nick. Vielleicht zehn, vielleicht fünfzehn Minuten, nachdem ich das
Autowrack zu sehen bekam, entstand meine Verpflichtung zu schreiben. Warum
steuerte Nick ihr Auto mit geschlossenen Augen gegen einen Baum?
Ich werde Ihnen diese Frage nicht beantworten können. Ich wäre auch nicht in
der Lage, irgendeine Überlegung im Sinne eines "logischen" Räsonierens
anzustellen. Schon gar nicht werde ich einen ethischen oder
gesellschaftswissenschaftlichen Kommentar abgeben können. Ich kann nur
schlicht Tatsachen aufzählen.
Ich kann Ihnen genau schildern, wie blutverschmiert der rote Opel Corsa
wirkte, wie merkwürdig sich die Motorhaube beim Aufprall gegen den Baum
verschoben hat.
Aber wichtiger erscheinen mir meine Erinnerungen. Ich möchte Ihnen davon
erzählen, wie es war, als mir Nick das erste mal begegnete. Sie arbeitet
aushilfsweise in einer Videothek. Ich hatte bereits eine Kassette ausgesucht
- mit Verlaub: Mein Auge fiel auf "Terminator 2" mit Arnold
Schwarzenegger - da hatte beim Anblick von Nick plötzlich Skrupel. Irgendwie
kam ich mir vor wie ein Schuljunge, der sich einbildet, per Konsum dieses
Videos das eigene Ego und die apodiktisch damit korrelierten Muskeln wachsen
lassen zu können. Irgendwie erschien es mir albern und unangebracht, den Film
"Terminator 2" betrachten zu wollen. Vor allem wurde mir
schlagartig bewusst, dass ich nur einen Moment vorher einen durchaus
niveauvollen Film in der Hand hielt ("Gottes Werk und Teufels
Beitrag"). Und mir wurde bewusst, welches abgrundtiefe Maß an
kultureller Faulheit in mir steckte. Als könnte es anstrengend sein, den
grandiosen Schauspieler Michael Caine zu betrachten! Als würde mich der Film
belasten können. In dem Moment war klar: Nicht der Film ist schlecht, sondern
meine Einstellung. Aber ich will ganz ehrlich sein. Irgendwie schien es mir
angebrachter, Nick durch das Ausleihen von "Gottes Werk und Teufels
Beitrag" beeindrucken zu können. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch
nicht, dass Nicole - die von allen Freunden "Nick" gerufen wurde -
eine Abtreibung hinter sich hatte und den Film gelinde gesagt etwas belastend
fand.
Ich muss Ihnen allerdings auch einiges über die Landschaften vermitteln, in
denen sich Nick bewegt hat. Die westfälische Gehaltlosigkeit zwischen Borken
und Coesfeld, das stille Nirwana
einer per se langweiligen Gegend steht im absoluten Kontrast zu den
Landschaften der Seele, in die mir Nick in wenigen, jedoch glücklichen
Stunden Einsicht gewährte. Ein letztes Geschenk von Nick - eine Gänsefeder -
liegt ständig auf meiner Tastatur, in etwa von der F1- bis zur F8-Taste
ausgestreckt. Ihre Eltern besaßen einen kleinen Bauernhof in der Nähe von
Borken. Sie liebte die ständige Unruhe, die diese unseligen Tiere ohne Unterlass
zu fabrizieren gedenken. Ja, irgendwie hatte Nick immer Angst vor Ruhe.
"Die Ruhe - das ist doch wie der Tod" - so waren ihre Worte. Wie
eine angezündete Wunderkerze, so das Leben von Nick. Und in der Tat, hinter
mir lagen einige Monate äußerster Kraftanstrengung, um Nicks Leben in feste
Bahnen zu leiten: Nachdem sich erstmals Ruhe in ihrem Leben einzustellen
begann, spürte sie den vollen Schmerz des Lebens. So als sei jedes einzelne
Organ als offene Wunde angelegt, verzerrte sich ihr Antlitz im Wehklagen. In
diesen Tagen waren meine Ohren taub, von der Ruhe betäubt. Ich habe damit zu
tun, dass sie sich an jenem Abend todtraurig in den Corsa setzte. Ich
schreibe diese Zeilen jedoch nicht, um mich anzuklagen. Die Gänsefeder auf
meiner Tastatur ist stumm. Es ist so leicht, zu verstummen. Es ist so leicht,
zu verdrängen.
Irgendwann werden auch Sie eine Entscheidung treffen müssen. Ich werde Ihnen
nichts vorenthalten, was Nick angeht. Ich werde meine Fehler zwar nicht
explizit benennen, aber ich erwähne alle Tatsachen. Tatsache ist, dass Nick
Alkohol getrunken hatte, bevor sie sich ans Steuer des Corsa setzte. Tatsache
ist auch, dass ich das NICHT wusste. Irgendwie Tatsache ist aber wohl auch, dass
ich es ahnte. Es ist so leicht, zu verdrängen. Sie werden entscheiden müssen,
ob Sie dem Gang meiner Überlegungen weiter folgen können. Es ist so leicht zu
verdrängen.
Vielleicht wird es Sie beruhigen, wenn wir uns zunächst einer Formsache
zuwenden. Dem Sterbebuch.
Im Personenstandsgesetz in der Fassung vom 8. 8. 1957 steht penibel aufgeführt,
welche Einträge im Sterbebuch zu erfolgen haben. Im § 37 wird vorgeschrieben,
dass die Vornamen und der Familienname des Verstorbenen, sein Beruf und
Wohnort, Ort und Tag seiner Geburt sowie im Falle des Einverständnisses des
Anzeigenden seine rechtliche Zugehörigkeit oder seine Nichtzugehörigkeit zu
einer Kirche, Religionsgemeinschaft oder Weltanschauungsgemeinschaft
eingetragen werden. “Anzeigende” Person war Nicks Mutter. Nicks
Zugehörigkeit zu einer Weltanschauungsgemeinschaft war für mich evident: Der
Anschauung der Welt als Wille und Vorstellung gehörte Nick ganz und gar an.
Ihre Mutter ließ sich jedoch nicht überzeugen, dies speziell ins Totenbuch
eintragen zu lassen. Als wäre die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche mit
irgendeiner substantiellen Aussage verbunden. Nick war vielleicht eine der
wenigen Frauen, vor denen selbst ein Arthur Schopenhauer
Respekt gehabt hätte.
Des weiteren erfolgt im Sterbebuch ein Vermerk, ob die Verstorbene
verheiratet war. Sie war es nicht. Lediglich über eine tragische, bitterherbe
und endlose acht Monate währende Zeit der Verlobung wird noch zu berichten
sein.
Der Ort, der Tag und sogar die Stunde des Todes werden eingetragen. Eine
Bundesstraße zwischen Borken und Coesfeld, Samstag, der fünfte März
Neunzehnhundertachtundneunzig, um zweiundzwanzig Uhr und sieben Minuten und
neunzehn Sekunden schlug Nicks 29 Jahre altes Herz den letzten Schlag.
Der Vor- und Familienname des Anzeigenden, sein Beruf und Wohnort kommen
hinzu. Nicole Pollmann, genannt Nick, Industriekauffrau, Borken in Westfalen. Westfalen. Ein Standesbeamter
unterschreibt die Eintragung im Sterbebuch. Herr Mattejat las aus der Zeitung
von Nicks Vorgeschichte und dachte im Moment der Unterschrift an einen
Bordellbesuch vor sieben Jahren, bei dem er volltrunken etwa viertausend Mark
verpulverte. Vor der Eintragung des Sterbefalles darf der Verstorbene nur mit
ortspolizeilicher Genehmigung bestattet werden. Fehlt diese, so darf der
Sterbefall erst nach Ermittlung des Sachverhalts mit Genehmigung der
zuständigen Verwaltungsbehörde eingetragen werden. Die Ortspolizei war sich
in der Beurteilung der Lage dermaßen sicher, dass sie übersehen hätte, wenn
jemand am Wagen manipuliert hätte. Die Tatsache, dass kein Abschiedsbrief
gefunden wurde, trübte die Ruhe von Polizeihauptkommissar Kurt Lasswick
keinesfalls. Er schöpft aus Vorfällen dieser Art die vermeintlich
erforderliche Kraft zur Erziehung seiner Tochter. Dass ebendiese seit Monaten
Hasch raucht, entgeht seiner geschulten Auffassungsgabe.
Vielleicht würde es Sie interessieren, ob Herr Mattejat mit Nick geschlafen
hat. Es gibt allerdings Dinge, die noch nicht einmal ich beantworten kann.
Tatsache ist allerdings, dass Nick eine ziemliche Weile lang im Milieu
gearbeitet hat.
Es ist allerdings noch nicht an der Zeit, den Hintern auf dem Lehnstuhl eines
Richters zu platzieren und die Meinungsbildung in Sachen Nick vorab durch den
intellektuellen Fleischwolf zu drehen. Sie kennen Nick ja noch gar nicht! Es
ist an der Zeit, dass wir uns ihr nähern. Wir sollten uns dazu entkleiden.
Martin Heidegger würde schreiben “ent-kleiden”. Wir sollten
einige wenige verdammte Minuten darauf verwenden, dass wir gelegentlich Moral
wie ein schweres Kleid mit uns schleppen. Eine größere Entfernung zwischen
uns und Nick ist kaum vorstellbar. Ich würde dies kaum betonen, hätte es
nicht diese intimen Minuten und Stunden der Nähe und Vertrautheit mit Nick
gegeben. Aber es hat keinen Sinn. Selbst im Zeitalter der Postmoderne schwillt
dem Leser der Pestgeruch einer vorab adaptierten Moral aus dem Mund. Das
moralische Kleid ist gleichsam dem Korpus angewachsen. Sie hatten nie das
Bedürfnis einen Menschen unmittelbar zu sehen? Ich werde subjektiv vorgehen.
Wir müssen uns ein Bild von Nick machen. Ein unbedingt westfälisches. Was
heißt dabei “unbedingt”? Zur Sache selbst kommen. Zum Wesen. Was
war wesentlich an Nick? Ich kann es nicht sagen. Mir fehlen die Worte. Es ist
etwas unbe-Dingtes, nicht Ding-haft, herkömmlich nicht sagbar. Unerhört.
Lassen wir uns ein Bild machen.

Maria im Ährenkleide in der Soester Wiesenkirche.
In der Tat. Der Weg zu Nick führt uns zunächst über Soest.
Das ist durchaus weder peinlich noch eine Schande. Wussten Sie, dass die
Bürger von Soest im Jahre 1447 eine “Soester Fehde” mit dem
Erzbischof von Köln ausgetragen haben? Warum taten diese einfachen Menschen
das? Sie wollten Unabhängigkeit. Sie hängten nicht mehr an den bischöflichen
Dingen. Sie wollten zum Wesen selbst. Somit vermittelt die kleine Stadt Soest
einen Verständnis-Zugang zum Wesen der Westfalen. Sie werden sich kaum der
Mühe unterziehen, die Soester Wiesenkirche zu besichtigen. Doch für mich
steht fest: Das Gemälde der Maria im Ährenkleide gewährt einen ersten
Eindruck von Nick. Sie werden vielleicht irritiert sein, wenn Sie das Bild betrachten.
Die schlank-grazile Gestalt wirkt nicht zuletzt aufgrund der heuschreckenhaft
dünnen Unterarme und Hände wie ein Kunstwesen. Die gleichmäßig auf dem Kleid
verteilten Ähren symbolisieren einerseits Fruchtbarkeit und stellen
andererseits einen unmittelbaren Bezug her für das kraftvolle
Bauerngeschlecht, das die Fluren der Soester Börde beackerte. Aber: Der
wesentliche Eindruck ist die absolute transzendentale Reinheit, die der
Gesichtsausdruck ausstrahlt. Diese Jungfrau Maria hätte noch nicht einmal
dann Lust auf Sex, wenn die California Dream Boys ohne Unterhose durchs Bild
liefen. Und doch war der Künstler nicht frei von Emotion. Die grazil
dargestellte Schlankheit entstammt nicht etwa einer Inspiration durch Lektüre
des Neuen Testaments. Nein. Welches Mädchen auch immer dem Künstler Model
gestanden hat, es gab vor, während und nach der Erstellung des Kunstwerks
Geschlechtsverkehr zwischen den beiden. Nur so lässt sich das Ausmaß der
grazilen Reinheit erklären. Was ein Mensch - ein sterbliches Wesen - im Kopf
hat - und sei es Moral - kann unmöglich von Gott stammen. Erkenntnis vermittelt
sich im Modus der Gnade. Der Künstler hat sein Liebesglück durch das in der
Soester Wiesenkirche dargestellte Porträt unsterblich gemacht. Und in der
Tat: Er hat sich selbst am rechten Bildrand verewigt. Was sagt und dies alles
nun? Nick war von Natur aus als Frau mit besonderer Ausstrahlung angelegt.
Sie wurde bewundert und vergöttert. Aber: Sie war ein irdisches Wesen.
Nun gut. Nick als Heuschrecke. Eine Industriekauffrau im Milieu. Ein
blutverschmierter Opel Corsa. Ich fürchte, wir müssen einen neuen Anlauf
wagen.
Erik Lund hat einmal geschrieben:
“Wir wissen, dass auch die radikalste und redlichste Selbstentäußerung
und die schmiegsamste Einfügung Vergangenes nur annäherungsweise zu deuten
vermag.”
Das mit der Selbstentäußerung ist klar: Vom erzkatholischen Hochpodest aus
kann man Nick nicht erblicken. Und es gibt keine klaren Abgrenzungen. Man
kann nicht Nick als Industriekauffrau gegen Nick im Milieu ausspielen.
Schon gar nicht findet eine postmortale Tombola der Qualität statt. Ebenso
gibt es auch keinen politisch, kulturell oder wirtschaftlich abgegrenzten
Raum Westfalen. Bismarck konstatierte einmal: “Ein Westfale bleibt
immer Westfale.” Etwas undifferenzierbares, das sich immer gleich
bleibt. Nick war immer Nick geblieben, neunundzwanzig Jahre lang. Ein
Vorstellungsbild dessen, was hinter uns liegt, erschließt sich aus der
Vergegenwärtigung seines Ablaufes besser als aus seinem Zerdenken. Das Wort
“fale” in “Westfale” scheint nichts anderes zu
bedeuten als “Volk”, “Leute” oder
“Menschen”. Geschichte erzählt man von Anfang an. Wie beginnt
also die Geschichte der “Westmenschen”? Der Krieg heißt es, sei
der Vater aller Dinge. Im Jahre 775 drängt sich uns ein Kriegsheld auf: Widukind, angeblich “einer von den großen der
Westfalen.” Die Auseinandersetzung mit den Franken hat demnach
wesentlich zur Selbstdefinition der Westfalen (die ursprünglich Sachsen
waren) beigetragen. Und Nicks Ursprung? Kein Krieg, aber auch kein Frieden.
Nicks Eltern wollten kein Kind. Noch nicht. Nicks Vater war Schaffner bei der
Deutschen Bundesbahn. Nicks Mutter war arbeitslos und machte eine Umschulung
zur EDV-Sachbearbeiterin, als sie ihren Mann kennen lernte. Es war eine
ungewollte Schwangerschaft. Nicks Vater hatte eine Kondom-Allergie - sagte er
zumindest - und Nicks Mutter hat sich nichts dabei gedacht. Es wird schon
nichts passieren. Aus diesem nichts wurde Nick. Nach einem halben Jahr hat
Nicks Mutter die Umschulung abgebrochen. Nicks Vater war finanziell nicht
darauf vorbereitet, eine dreiköpfige Familie zu ernähren. Das sie eine
Tochter hatten, spürten die beiden erst dann, als sie keine Tochter mehr
hatten.
Der Umgang mit dem Tod unterlag in Westfalen dem Wandel. Jahrhunderte lang
galten die Westfalen als abergläubisch und gottlos. Der Große Kurfürst
Friedrich Wilhelm von Brandenburg störte sich im Jahre 1669 daran, dass
“bei Leichen das Reefstroh verbrannt und das Todtengebet zuletzt an
einem hohlen Baum gebracht werde”. Dieser Kurfürst war ein berstend
grimmiger Ignorant. Hat sein Leben nie gelebt. Fleischgewordener Selbstzweck
einer ins Sinnlose wachsenden Familiendynastie. Aber wer will auch das Leben
schauen, wenn Menschen das Totengebet an einem hohlen Baum abhalten?
Wir müssen wohl Kostgänger des Lebens in den Zeugenstand rufen. Heinrich Heine. Äußern Sie sich zu Westfalen.
1. “Den lispelnd westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.”
2. “Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.”
In westfälischen Kneipen gab es auch zu Heines Zeiten schon ansehnliche
Blondinen (“Wie gelbe Seide das Lockenhaar”). Ok. Bezüglicht der
Wollust lassen wir mal fünfe gerade sein. Aber das mit den sentimentalen
Eichen trifft den Punkt. Westfalen sind sentimentale Eichen. Sie halten das
Todtengebet an einem hohlen Baume. Sie tun dies selbst dann, wenn dem Großen
Arschloch Friedrich Wilhelm von Brandenburg dies gutzuheißen nicht möglich
ist. Der Baum, an den sich die Motorhaube des roten Corsa anschmiegte, war
nicht hohl. Aber es steht jetzt ein Totenkreuz dort. Aufgestellt neben einem
Baum zum Totengebet. Anlaufort für sentimentale Eichen wie mich.
Insgesamt sind nur drei Personen zum Totengebet am Baum erschienen.
Siebzehntausend Augenpaare haben allerdings das Kreuz gesehen. Die kleine
Julia, acht Jahre, im Schulbus sitzend, sinnierte über die Farbe des
Holzkreuzes. Der Gartenzaun daheim ist mit der gleichen Farbe gestrichen. So
weiß. Aber der Gartenzaun ist gut. Das Kreuz ist böse. Herr Mattejat, in
seinem Audi A4 vorbeifahrend, Volksmusik hörend, denkt JEDES MAL beim
Vorbeifahren am Kreuz an die Nacht im Puff. Sein Geschlechtsteil spürend
verkrallen sich seine Hände am Lenkrad, der Pulsschlag seines Herzens geriert
sich virtuos als Taktgeber, als gelte es per Trommel unglücksselige Galeerensklaven
anzutreiben. Den alten Pudding seines vermeintlichen Selbstbewusstseins
schmeckend verschwendet Herr Mattejat beim Vorbeifahren NIE auch nur einen
Gedanken an die Person Nicole Pollmann, genannt Nick, die nur neunundzwanzig
Jahre alt wurde. Clemens, Politikstudent, denkt mit dem Fahrrad vorbeifahrend
jedes Mal an die Filme von Rainer Werner Fassbinder. “Die Liebe ist
kälter als der Tod”. Die Gegenwart des Todes wird von Clemens jovial
begrüßt: Sie triggert sein Nachdenken über das Wesen der Liebe. Er hat mit
Stefanie geschlafen. Und er weiß nicht, ob er Stefanie liebt. Schlimmer: Er
glaubt, dies sei ein Problem. Deshalb wohl Philosophie im Nebenfach.
Und dann gibt es da noch sechzehntausendneunhundertsiebenundneunzig weitere
Augenpaare, die dies und das gedacht haben mögen. Eine Melange aus Innehalten
und Weiterfahren. Sentimentale Eichen sind in Westfalen gewichen. Es ist die
Zeit gekommen, für Westfalen ein Sterbebuch anzulegen. Was ist die
Todesursache? Ein Abschiedsbrief existiert nicht. Die Falen sind einfach nur
unwesentlich geworden.
Lassen Sie uns noch einmal in die Soester Wiesenkirche zurückkehren! Maria im
Ährenkleide. Ihr langes, gelocktes, bis zum Hintern reichendes Haar. Wie ich
dieses Haar an Nick geliebt habe! Einmal bin ich unter Ihrem Haar
eingeschlafen. Ich hatte einen ziemlich schwarzen Tag. Ich musste für einen
Freund als Zeuge vor Gericht aussagen. Er hatte größere Summen in seiner
Firma veruntreut. Ich sollte zu seinen Gunsten aussagen. Ich hätte dazu die
Wahrheit lediglich ein wenig beugen müssen. Der Staatsanwalt ermahnte mich,
die Wahrheit zu sagen. Ich sagte die Wahrheit und fühlte mich, als hätte ich
damit meinen Freund betrogen. Ich trank nach der Gerichtsverhandlung noch
drei oder vier Scotch, fühlte die Lüge in mir pulsieren und ging zu Nick. Sie
öffnete die Türe und sah mir meine Stimmung unmittelbar an. Sie trug eine
Wrangler-Jeans, weiße Tennissocken und ein dunkelblaues Sweatshirt. Wir
setzten uns auf das Sofa ohne miteinander zu sprechen. Could you hold my hand if I saw you in
heaven. Sie sagte nur: “Komm, leg Dich hin. Versuch ein wenig zu
schlafen.” Ich legte meinen Kopf auf ein grünes Kissen, das mit
allerhand Stickereien von Nick dekoriert war. Ich schmiegte meinen Körper an
die Rückenlehne und Sofas und Nick schmiegte sich vorsichtig an mich. Hier
Haar legte sich dabei fast wie ein Schleier über meinen Kopf. Could you hold my hand if I saw
you in heaven. Ihr Heuschreckenhand berührte meine kalten Finger. Ich
atmete flach und gleichmäßig, atmete den Geruch Ihres Haares. Wie gelbe Seide
das Lockenhaar. Ich spürte das Atmen Ihrer Lungen, die Bewegungen Ihres
Oberkörpers. Ich umfasste mit der linken Hand Ihren Unterarm. Wir atmeten
synchron. I must be strong
and carry on.
Maria im Ährenkleid.

Nick ist tot. Keine Umarmung mehr. Eine Gänsefeder liegt auf meiner
Tastatur. Unruhe. Wer ist für den Tod verantwortlich? Eigentlich sterben nur
die Überlebenden. Erkalten. Verstummen. Die Toten sind uns einen Sprung
voraus. Sagt Ihnen der Name Katharina Emmerick etwas? Die als “Seherin
von Dülmen” bekannte Frau wurde am 29. Dezember 1812 stigmatisiert.
Clemens Brentano schreibt in seinem Bericht:
“Sie lag sehr krank in ihrem Stübchen mit ausgebreiteten Armen in
ekstatischer Erstarrung auf ihrem Bette. Sie betrachtete die Leiden des Herrn
und flehte, von heftigem Mitleid bewegt, mit ihm zu leiden. ... Ihr Angesicht
war von glühender Röte übergossen. Da sah sie ein Leuchten von oben zu sich
herabkommen und in diesem die Lichtgestalt des gekreuzigten Herrn wie
lebendig, seine Wunden leuchteten wie fünf helle Lichtkreise aus dem Bilde
hervor. Ihr Herz fühlte sich von einem gewaltigen Schmerz und von Freude
bewegt, ihre Begierde mitzuleiden ward bei dem Anblick der heiligen Wundmale
so heftig, dass es ihr schien, als flehe ihr Mitleid aus ihren Händen, ihren
Füßen und ihrer rechten Seite nach den Wundmalen der Erscheinung hin.”
Das arme Bauernmädchen Katharina Emmerick hat das Leiden verinnerlicht. Sie
wurde zur Folie des Todes und zur Folie des Lebens. Spiegelnder Lebentod als
selbstreferentieller Ab-Grund voll zerstörerischer Authentizität.
Das Leben ist für den Tod verantwortlich. Katharina war gleichermaßen von
Schmerz wie von Freude bewegt.
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