Das westfälische Sterbebuch

 


Sissy Spacek; Parabel auf Nicole Pollmann

 

 


Ubi caritas est vera, Deus ibi est.


Ein virtueller Roman

von Nicolas van Bruenen

Kapitel 1: Übersicht
Nicoles Selbstmord
Das Elend in Westfalen
Der Autor scheint Philosoph zu sein

 

 


 


Vielleicht ist der Tod lediglich ein Kostgänger des Lebens. Ein fest gebuchter Termin. Eine Aktie ohne Wert. Über den Tod nachdenken, gar über ihn zu schreiben: absurd. Sterbebücher sind kein Gegenstand einer Kultur, die zwischen Cola und Koks das eigene Leben setzt.

Es gäbe diese Zeilen auch kaum ohne den Selbstmord von Nick. Vielleicht zehn, vielleicht fünfzehn Minuten, nachdem ich das Autowrack zu sehen bekam, entstand meine Verpflichtung zu schreiben. Warum steuerte Nick ihr Auto mit geschlossenen Augen gegen einen Baum?
Ich werde Ihnen diese Frage nicht beantworten können. Ich wäre auch nicht in der Lage, irgendeine Überlegung im Sinne eines "logischen" Räsonierens anzustellen. Schon gar nicht werde ich einen ethischen oder gesellschaftswissenschaftlichen Kommentar abgeben können. Ich kann nur schlicht Tatsachen aufzählen.
Ich kann Ihnen genau schildern, wie blutverschmiert der rote Opel Corsa wirkte, wie merkwürdig sich die Motorhaube beim Aufprall gegen den Baum verschoben hat.
Aber wichtiger erscheinen mir meine Erinnerungen. Ich möchte Ihnen davon erzählen, wie es war, als mir Nick das erste mal begegnete. Sie arbeitet aushilfsweise in einer Videothek. Ich hatte bereits eine Kassette ausgesucht - mit Verlaub: Mein Auge fiel auf "Terminator 2" mit Arnold Schwarzenegger - da hatte beim Anblick von Nick plötzlich Skrupel. Irgendwie kam ich mir vor wie ein Schuljunge, der sich einbildet, per Konsum dieses Videos das eigene Ego und die apodiktisch damit korrelierten Muskeln wachsen lassen zu können. Irgendwie erschien es mir albern und unangebracht, den Film "Terminator 2" betrachten zu wollen. Vor allem wurde mir schlagartig bewusst, dass ich nur einen Moment vorher einen durchaus niveauvollen Film in der Hand hielt ("Gottes Werk und Teufels Beitrag"). Und mir wurde bewusst, welches abgrundtiefe Maß an kultureller Faulheit in mir steckte. Als könnte es anstrengend sein, den grandiosen Schauspieler Michael Caine zu betrachten! Als würde mich der Film belasten können. In dem Moment war klar: Nicht der Film ist schlecht, sondern meine Einstellung. Aber ich will ganz ehrlich sein. Irgendwie schien es mir angebrachter, Nick durch das Ausleihen von "Gottes Werk und Teufels Beitrag" beeindrucken zu können. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Nicole - die von allen Freunden "Nick" gerufen wurde - eine Abtreibung hinter sich hatte und den Film gelinde gesagt etwas belastend fand.

Ich muss Ihnen allerdings auch einiges über die Landschaften vermitteln, in denen sich Nick bewegt hat. Die westfälische Gehaltlosigkeit zwischen Borken und Coesfeld, das stille Nirwana einer per se langweiligen Gegend steht im absoluten Kontrast zu den Landschaften der Seele, in die mir Nick in wenigen, jedoch glücklichen Stunden Einsicht gewährte. Ein letztes Geschenk von Nick - eine Gänsefeder - liegt ständig auf meiner Tastatur, in etwa von der F1- bis zur F8-Taste ausgestreckt. Ihre Eltern besaßen einen kleinen Bauernhof in der Nähe von Borken. Sie liebte die ständige Unruhe, die diese unseligen Tiere ohne Unterlass zu fabrizieren gedenken. Ja, irgendwie hatte Nick immer Angst vor Ruhe. "Die Ruhe - das ist doch wie der Tod" - so waren ihre Worte. Wie eine angezündete Wunderkerze, so das Leben von Nick. Und in der Tat, hinter mir lagen einige Monate äußerster Kraftanstrengung, um Nicks Leben in feste Bahnen zu leiten: Nachdem sich erstmals Ruhe in ihrem Leben einzustellen begann, spürte sie den vollen Schmerz des Lebens. So als sei jedes einzelne Organ als offene Wunde angelegt, verzerrte sich ihr Antlitz im Wehklagen. In diesen Tagen waren meine Ohren taub, von der Ruhe betäubt. Ich habe damit zu tun, dass sie sich an jenem Abend todtraurig in den Corsa setzte. Ich schreibe diese Zeilen jedoch nicht, um mich anzuklagen. Die Gänsefeder auf meiner Tastatur ist stumm. Es ist so leicht, zu verstummen. Es ist so leicht, zu verdrängen.

Irgendwann werden auch Sie eine Entscheidung treffen müssen. Ich werde Ihnen nichts vorenthalten, was Nick angeht. Ich werde meine Fehler zwar nicht explizit benennen, aber ich erwähne alle Tatsachen. Tatsache ist, dass Nick Alkohol getrunken hatte, bevor sie sich ans Steuer des Corsa setzte. Tatsache ist auch, dass ich das NICHT wusste. Irgendwie Tatsache ist aber wohl auch, dass ich es ahnte. Es ist so leicht, zu verdrängen. Sie werden entscheiden müssen, ob Sie dem Gang meiner Überlegungen weiter folgen können. Es ist so leicht zu verdrängen.

Vielleicht wird es Sie beruhigen, wenn wir uns zunächst einer Formsache zuwenden. Dem Sterbebuch.
Im Personenstandsgesetz in der Fassung vom 8. 8. 1957 steht penibel aufgeführt, welche Einträge im Sterbebuch zu erfolgen haben. Im § 37 wird vorgeschrieben, dass die Vornamen und der Familienname des Verstorbenen, sein Beruf und Wohnort, Ort und Tag seiner Geburt sowie im Falle des Einverständnisses des Anzeigenden seine rechtliche Zugehörigkeit oder seine Nichtzugehörigkeit zu einer Kirche, Religionsgemeinschaft oder Weltanschauungsgemeinschaft eingetragen werden. “Anzeigende” Person war Nicks Mutter. Nicks Zugehörigkeit zu einer Weltanschauungsgemeinschaft war für mich evident: Der Anschauung der Welt als Wille und Vorstellung gehörte Nick ganz und gar an. Ihre Mutter ließ sich jedoch nicht überzeugen, dies speziell ins Totenbuch eintragen zu lassen. Als wäre die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche mit irgendeiner substantiellen Aussage verbunden. Nick war vielleicht eine der wenigen Frauen, vor denen selbst ein Arthur Schopenhauer Respekt gehabt hätte.
Des weiteren erfolgt im Sterbebuch ein Vermerk, ob die Verstorbene verheiratet war. Sie war es nicht. Lediglich über eine tragische, bitterherbe und endlose acht Monate währende Zeit der Verlobung wird noch zu berichten sein.
Der Ort, der Tag und sogar die Stunde des Todes werden eingetragen. Eine Bundesstraße zwischen Borken und Coesfeld, Samstag, der fünfte März Neunzehnhundertachtundneunzig, um zweiundzwanzig Uhr und sieben Minuten und neunzehn Sekunden schlug Nicks 29 Jahre altes Herz den letzten Schlag.
Der Vor- und Familienname des Anzeigenden, sein Beruf und Wohnort kommen hinzu. Nicole Pollmann, genannt Nick, Industriekauffrau, Borken in Westfalen. Westfalen. Ein Standesbeamter unterschreibt die Eintragung im Sterbebuch. Herr Mattejat las aus der Zeitung von Nicks Vorgeschichte und dachte im Moment der Unterschrift an einen Bordellbesuch vor sieben Jahren, bei dem er volltrunken etwa viertausend Mark verpulverte. Vor der Eintragung des Sterbefalles darf der Verstorbene nur mit ortspolizeilicher Genehmigung bestattet werden. Fehlt diese, so darf der Sterbefall erst nach Ermittlung des Sachverhalts mit Genehmigung der zuständigen Verwaltungsbehörde eingetragen werden. Die Ortspolizei war sich in der Beurteilung der Lage dermaßen sicher, dass sie übersehen hätte, wenn jemand am Wagen manipuliert hätte. Die Tatsache, dass kein Abschiedsbrief gefunden wurde, trübte die Ruhe von Polizeihauptkommissar Kurt Lasswick keinesfalls. Er schöpft aus Vorfällen dieser Art die vermeintlich erforderliche Kraft zur Erziehung seiner Tochter. Dass ebendiese seit Monaten Hasch raucht, entgeht seiner geschulten Auffassungsgabe.
Vielleicht würde es Sie interessieren, ob Herr Mattejat mit Nick geschlafen hat. Es gibt allerdings Dinge, die noch nicht einmal ich beantworten kann. Tatsache ist allerdings, dass Nick eine ziemliche Weile lang im Milieu gearbeitet hat.

Es ist allerdings noch nicht an der Zeit, den Hintern auf dem Lehnstuhl eines Richters zu platzieren und die Meinungsbildung in Sachen Nick vorab durch den intellektuellen Fleischwolf zu drehen. Sie kennen Nick ja noch gar nicht! Es ist an der Zeit, dass wir uns ihr nähern. Wir sollten uns dazu entkleiden. Martin Heidegger würde schreiben “ent-kleiden”. Wir sollten einige wenige verdammte Minuten darauf verwenden, dass wir gelegentlich Moral wie ein schweres Kleid mit uns schleppen. Eine größere Entfernung zwischen uns und Nick ist kaum vorstellbar. Ich würde dies kaum betonen, hätte es nicht diese intimen Minuten und Stunden der Nähe und Vertrautheit mit Nick gegeben. Aber es hat keinen Sinn. Selbst im Zeitalter der Postmoderne schwillt dem Leser der Pestgeruch einer vorab adaptierten Moral aus dem Mund. Das moralische Kleid ist gleichsam dem Korpus angewachsen. Sie hatten nie das Bedürfnis einen Menschen unmittelbar zu sehen? Ich werde subjektiv vorgehen. Wir müssen uns ein Bild von Nick machen. Ein unbedingt westfälisches. Was heißt dabei “unbedingt”? Zur Sache selbst kommen. Zum Wesen. Was war wesentlich an Nick? Ich kann es nicht sagen. Mir fehlen die Worte. Es ist etwas unbe-Dingtes, nicht Ding-haft, herkömmlich nicht sagbar. Unerhört. Lassen wir uns ein Bild machen.

Existenzwirbel

Maria im Ährenkleide in der Soester Wiesenkirche.
In der Tat. Der Weg zu Nick führt uns zunächst über Soest. Das ist durchaus weder peinlich noch eine Schande. Wussten Sie, dass die Bürger von Soest im Jahre 1447 eine “Soester Fehde” mit dem Erzbischof von Köln ausgetragen haben? Warum taten diese einfachen Menschen das? Sie wollten Unabhängigkeit. Sie hängten nicht mehr an den bischöflichen Dingen. Sie wollten zum Wesen selbst. Somit vermittelt die kleine Stadt Soest einen Verständnis-Zugang zum Wesen der Westfalen. Sie werden sich kaum der Mühe unterziehen, die Soester Wiesenkirche zu besichtigen. Doch für mich steht fest: Das Gemälde der Maria im Ährenkleide gewährt einen ersten Eindruck von Nick. Sie werden vielleicht irritiert sein, wenn Sie das Bild betrachten. Die schlank-grazile Gestalt wirkt nicht zuletzt aufgrund der heuschreckenhaft dünnen Unterarme und Hände wie ein Kunstwesen. Die gleichmäßig auf dem Kleid verteilten Ähren symbolisieren einerseits Fruchtbarkeit und stellen andererseits einen unmittelbaren Bezug her für das kraftvolle Bauerngeschlecht, das die Fluren der Soester Börde beackerte. Aber: Der wesentliche Eindruck ist die absolute transzendentale Reinheit, die der Gesichtsausdruck ausstrahlt. Diese Jungfrau Maria hätte noch nicht einmal dann Lust auf Sex, wenn die California Dream Boys ohne Unterhose durchs Bild liefen. Und doch war der Künstler nicht frei von Emotion. Die grazil dargestellte Schlankheit entstammt nicht etwa einer Inspiration durch Lektüre des Neuen Testaments. Nein. Welches Mädchen auch immer dem Künstler Model gestanden hat, es gab vor, während und nach der Erstellung des Kunstwerks Geschlechtsverkehr zwischen den beiden. Nur so lässt sich das Ausmaß der grazilen Reinheit erklären. Was ein Mensch - ein sterbliches Wesen - im Kopf hat - und sei es Moral - kann unmöglich von Gott stammen. Erkenntnis vermittelt sich im Modus der Gnade. Der Künstler hat sein Liebesglück durch das in der Soester Wiesenkirche dargestellte Porträt unsterblich gemacht. Und in der Tat: Er hat sich selbst am rechten Bildrand verewigt. Was sagt und dies alles nun? Nick war von Natur aus als Frau mit besonderer Ausstrahlung angelegt. Sie wurde bewundert und vergöttert. Aber: Sie war ein irdisches Wesen.

Nun gut. Nick als Heuschrecke. Eine Industriekauffrau im Milieu. Ein blutverschmierter Opel Corsa. Ich fürchte, wir müssen einen neuen Anlauf wagen.

Erik Lund hat einmal geschrieben:
“Wir wissen, dass auch die radikalste und redlichste Selbstentäußerung und die schmiegsamste Einfügung Vergangenes nur annäherungsweise zu deuten vermag.”

Das mit der Selbstentäußerung ist klar: Vom erzkatholischen Hochpodest aus kann man Nick nicht erblicken. Und es gibt keine klaren Abgrenzungen. Man kann nicht Nick als Industriekauffrau gegen Nick im Milieu ausspielen.
Schon gar nicht findet eine postmortale Tombola der Qualität statt. Ebenso gibt es auch keinen politisch, kulturell oder wirtschaftlich abgegrenzten Raum Westfalen. Bismarck konstatierte einmal: “Ein Westfale bleibt immer Westfale.” Etwas undifferenzierbares, das sich immer gleich bleibt. Nick war immer Nick geblieben, neunundzwanzig Jahre lang. Ein Vorstellungsbild dessen, was hinter uns liegt, erschließt sich aus der Vergegenwärtigung seines Ablaufes besser als aus seinem Zerdenken. Das Wort “fale” in “Westfale” scheint nichts anderes zu bedeuten als “Volk”, “Leute” oder “Menschen”. Geschichte erzählt man von Anfang an. Wie beginnt also die Geschichte der “Westmenschen”? Der Krieg heißt es, sei der Vater aller Dinge. Im Jahre 775 drängt sich uns ein Kriegsheld auf: Widukind, angeblich “einer von den großen der Westfalen.” Die Auseinandersetzung mit den Franken hat demnach wesentlich zur Selbstdefinition der Westfalen (die ursprünglich Sachsen waren) beigetragen. Und Nicks Ursprung? Kein Krieg, aber auch kein Frieden. Nicks Eltern wollten kein Kind. Noch nicht. Nicks Vater war Schaffner bei der Deutschen Bundesbahn. Nicks Mutter war arbeitslos und machte eine Umschulung zur EDV-Sachbearbeiterin, als sie ihren Mann kennen lernte. Es war eine ungewollte Schwangerschaft. Nicks Vater hatte eine Kondom-Allergie - sagte er zumindest - und Nicks Mutter hat sich nichts dabei gedacht. Es wird schon nichts passieren. Aus diesem nichts wurde Nick. Nach einem halben Jahr hat Nicks Mutter die Umschulung abgebrochen. Nicks Vater war finanziell nicht darauf vorbereitet, eine dreiköpfige Familie zu ernähren. Das sie eine Tochter hatten, spürten die beiden erst dann, als sie keine Tochter mehr hatten.

Der Umgang mit dem Tod unterlag in Westfalen dem Wandel. Jahrhunderte lang galten die Westfalen als abergläubisch und gottlos. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg störte sich im Jahre 1669 daran, dass “bei Leichen das Reefstroh verbrannt und das Todtengebet zuletzt an einem hohlen Baum gebracht werde”. Dieser Kurfürst war ein berstend grimmiger Ignorant. Hat sein Leben nie gelebt. Fleischgewordener Selbstzweck einer ins Sinnlose wachsenden Familiendynastie. Aber wer will auch das Leben schauen, wenn Menschen das Totengebet an einem hohlen Baum abhalten?
Wir müssen wohl Kostgänger des Lebens in den Zeugenstand rufen. Heinrich Heine. Äußern Sie sich zu Westfalen.
1. “Den lispelnd westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.”
2. “Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.”
In westfälischen Kneipen gab es auch zu Heines Zeiten schon ansehnliche Blondinen (“Wie gelbe Seide das Lockenhaar”). Ok. Bezüglicht der Wollust lassen wir mal fünfe gerade sein. Aber das mit den sentimentalen Eichen trifft den Punkt. Westfalen sind sentimentale Eichen. Sie halten das Todtengebet an einem hohlen Baume. Sie tun dies selbst dann, wenn dem Großen Arschloch Friedrich Wilhelm von Brandenburg dies gutzuheißen nicht möglich ist. Der Baum, an den sich die Motorhaube des roten Corsa anschmiegte, war nicht hohl. Aber es steht jetzt ein Totenkreuz dort. Aufgestellt neben einem Baum zum Totengebet. Anlaufort für sentimentale Eichen wie mich.

Insgesamt sind nur drei Personen zum Totengebet am Baum erschienen. Siebzehntausend Augenpaare haben allerdings das Kreuz gesehen. Die kleine Julia, acht Jahre, im Schulbus sitzend, sinnierte über die Farbe des Holzkreuzes. Der Gartenzaun daheim ist mit der gleichen Farbe gestrichen. So weiß. Aber der Gartenzaun ist gut. Das Kreuz ist böse. Herr Mattejat, in seinem Audi A4 vorbeifahrend, Volksmusik hörend, denkt JEDES MAL beim Vorbeifahren am Kreuz an die Nacht im Puff. Sein Geschlechtsteil spürend verkrallen sich seine Hände am Lenkrad, der Pulsschlag seines Herzens geriert sich virtuos als Taktgeber, als gelte es per Trommel unglücksselige Galeerensklaven anzutreiben. Den alten Pudding seines vermeintlichen Selbstbewusstseins schmeckend verschwendet Herr Mattejat beim Vorbeifahren NIE auch nur einen Gedanken an die Person Nicole Pollmann, genannt Nick, die nur neunundzwanzig Jahre alt wurde. Clemens, Politikstudent, denkt mit dem Fahrrad vorbeifahrend jedes Mal an die Filme von Rainer Werner Fassbinder. “Die Liebe ist kälter als der Tod”. Die Gegenwart des Todes wird von Clemens jovial begrüßt: Sie triggert sein Nachdenken über das Wesen der Liebe. Er hat mit Stefanie geschlafen. Und er weiß nicht, ob er Stefanie liebt. Schlimmer: Er glaubt, dies sei ein Problem. Deshalb wohl Philosophie im Nebenfach.
Und dann gibt es da noch sechzehntausendneunhundertsiebenundneunzig weitere Augenpaare, die dies und das gedacht haben mögen. Eine Melange aus Innehalten und Weiterfahren. Sentimentale Eichen sind in Westfalen gewichen. Es ist die Zeit gekommen, für Westfalen ein Sterbebuch anzulegen. Was ist die Todesursache? Ein Abschiedsbrief existiert nicht. Die Falen sind einfach nur unwesentlich geworden.

Lassen Sie uns noch einmal in die Soester Wiesenkirche zurückkehren! Maria im Ährenkleide. Ihr langes, gelocktes, bis zum Hintern reichendes Haar. Wie ich dieses Haar an Nick geliebt habe! Einmal bin ich unter Ihrem Haar eingeschlafen. Ich hatte einen ziemlich schwarzen Tag. Ich musste für einen Freund als Zeuge vor Gericht aussagen. Er hatte größere Summen in seiner Firma veruntreut. Ich sollte zu seinen Gunsten aussagen. Ich hätte dazu die Wahrheit lediglich ein wenig beugen müssen. Der Staatsanwalt ermahnte mich, die Wahrheit zu sagen. Ich sagte die Wahrheit und fühlte mich, als hätte ich damit meinen Freund betrogen. Ich trank nach der Gerichtsverhandlung noch drei oder vier Scotch, fühlte die Lüge in mir pulsieren und ging zu Nick. Sie öffnete die Türe und sah mir meine Stimmung unmittelbar an. Sie trug eine Wrangler-Jeans, weiße Tennissocken und ein dunkelblaues Sweatshirt. Wir setzten uns auf das Sofa ohne miteinander zu sprechen. Could you hold my hand if I saw you in heaven. Sie sagte nur: “Komm, leg Dich hin. Versuch ein wenig zu schlafen.” Ich legte meinen Kopf auf ein grünes Kissen, das mit allerhand Stickereien von Nick dekoriert war. Ich schmiegte meinen Körper an die Rückenlehne und Sofas und Nick schmiegte sich vorsichtig an mich. Hier Haar legte sich dabei fast wie ein Schleier über meinen Kopf. Could you hold my hand if I saw you in heaven. Ihr Heuschreckenhand berührte meine kalten Finger. Ich atmete flach und gleichmäßig, atmete den Geruch Ihres Haares. Wie gelbe Seide das Lockenhaar. Ich spürte das Atmen Ihrer Lungen, die Bewegungen Ihres Oberkörpers. Ich umfasste mit der linken Hand Ihren Unterarm. Wir atmeten synchron. I must be strong and carry on.
Maria im Ährenkleid.
Die Existenz kommt zu Fall.
Nick ist tot. Keine Umarmung mehr. Eine Gänsefeder liegt auf meiner Tastatur. Unruhe. Wer ist für den Tod verantwortlich? Eigentlich sterben nur die Überlebenden. Erkalten. Verstummen. Die Toten sind uns einen Sprung voraus. Sagt Ihnen der Name Katharina Emmerick etwas? Die als “Seherin von Dülmen” bekannte Frau wurde am 29. Dezember 1812 stigmatisiert. Clemens Brentano schreibt in seinem Bericht: “Sie lag sehr krank in ihrem Stübchen mit ausgebreiteten Armen in ekstatischer Erstarrung auf ihrem Bette. Sie betrachtete die Leiden des Herrn und flehte, von heftigem Mitleid bewegt, mit ihm zu leiden. ... Ihr Angesicht war von glühender Röte übergossen. Da sah sie ein Leuchten von oben zu sich herabkommen und in diesem die Lichtgestalt des gekreuzigten Herrn wie lebendig, seine Wunden leuchteten wie fünf helle Lichtkreise aus dem Bilde hervor. Ihr Herz fühlte sich von einem gewaltigen Schmerz und von Freude bewegt, ihre Begierde mitzuleiden ward bei dem Anblick der heiligen Wundmale so heftig, dass es ihr schien, als flehe ihr Mitleid aus ihren Händen, ihren Füßen und ihrer rechten Seite nach den Wundmalen der Erscheinung hin.” Das arme Bauernmädchen Katharina Emmerick hat das Leiden verinnerlicht. Sie wurde zur Folie des Todes und zur Folie des Lebens. Spiegelnder Lebentod als selbstreferentieller Ab-Grund voll zerstörerischer Authentizität.
Das Leben ist für den Tod verantwortlich. Katharina war gleichermaßen von Schmerz wie von Freude bewegt.

Weiter zu Kapitel 2...

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Dies ist ein experimenteller Internet-Roman. Alle Rechte liegen beim Autor. Nicolas van Bruenen wird diese Seite in regelmäßigen Abständen erweitern bzw. ändern.

Anmerkung: Aufgeführte Namen sind weitgehend fiktiv (Ausnahme: N.v.B. und historische Persönlichkeiten) und Übereinstimmungen mit real existierenden Personen wären insofern purer Zufall und nicht beabsichtigt.

 

 


 


Autor: Nicolas van Bruenen
e-mail: info@sterbebuch.com